Leseproben

Band 11
Die Bedrohung

»CLARK, DU VERPASST DEN SCHULBUS!«, rief Martha Kent aus der Küche.
»Morgen, Moni!« Clark kam polternd die Treppe herunter. »Mach dir keine Gedanken um den Bus! Wenn ich ihn verpasse, laufe ich eben zur Schule.« Er lächelte seine Mutter an, ging an den Kühlschrank und suchte sich etwas zum Frühstück.
»Clark, auch wenn du mit hundert Kilometern pro Stunde zur Schule rasen kannst, solltest du dich hin und wieder mal im Bus sehen lassen.« Martha bedachte Clark mit einem viel sagenden Blick. Sie machte sich ständig Sorgen, dass irgend­jemand von seinen »besonderen Fähigkeiten« erfahren könn­te, wie sie es nannte. Dennoch ging sie jetzt nicht weiter auf das Thema ein. Stattdessen hastete sie in der Küche hin und her und machte einen etwas zerstreuten Eindruck.
»Da wir gerade vom Zuspätkommen reden«, bemerkte Clark, während er den alten Toaster dazu zu bewegen versuchte, ein paar gefrorene Waffeln aufzutauen, »solltest du nicht schon längst bei den Luthors sein?« Clarks Mutter war die Assistentin von Lionel Luthor, einem der reichsten Männer des Landes, der obendrein der Vater von Clarks Freund Lex war.
»Das sollte ich tatsächlich«, antwortete Martha. »Aber ich habe vergessen, dass heute Morgen wieder eine Rückzahlungsrate für unseren Kredit fällig ist, und dein Vater ist zu den Dixons gefahren, um ihnen auszuhelfen, solange ihr Traktor in der Werkstatt ist. Das kann den ganzen Tag dauern.« Sie seufzte. »Die Bank duldet keine Verspätung bei den Zahlungen, also muss ich wohl schnell hinfahren.«»Ich habe eine Idee«, entgegnete Clark und schob den Toaster beiseite.»Ich kann bei den Dixons vorbeigehen und Dad den Scheck bringen. Dann kann er damit zur Bank fahren, und du kommst nicht zu spät.«
»Aber du schreibst doch heute Morgen eine wichtige Chemiearbeit, oder?«, wollte Martha wissen.
Clark nickte kauend. »Hmhm. Ich kann trotzdem schnell zu den Dixons flitzen, Dad den Scheck geben und dann zur Schule laufen.«
»Bist du sicher, mein Schatz? Ich möchte wirklich nicht, dass du zu spät -«
»Ganz sicher«, unterbrach Clark sie und gab ihr einen klebrigen Sirupkuss auf die Wange. »Mach dir keine Gedanken, Moni!«
Clark war bester Laune, als er die Straße hinunterraste, die von der Farm der Kents zu den Dixons führte. Die kühle Herbstluft schlug ihm ins Gesicht, und alles ringsum sali für ihn aus, als bewege es sich in Zeitlupe. Er hatte fleißig für die Chemiearbeit gelernt und fühlte sich gut vorbereitet. Und er freute sich über die Gelegenheit, seiner Mom ein wenig unter die Arme greifen zu können, denn es war nicht leicht für sie, den Haushalt, Familie und ihren ¡ob unter einen Hut zu kriegen.
Clark ließ die Weiden des elterlichen Hofes rasch hinter sich, und schon tauchten links und rechts der Straße die großen Kornfelder der Dixons auf. Nun waren es nur noch ein paar Kilometer bis zum Haupthaus, wo er wahrscheinlich auf seinen Vater treffen würde.
Der Wind pfiff ihm um die Ohren. Er dachte an die bevorstehende Halloween-Party - er wusste, dass Lana Lang, in die er für alle Zeiten verschossen war, als Scarlett O'Hara hingehen wollte, aber was seine eigene Verkleidung anging, war er sich noch nicht sicher. Als Rhett Butler zu gehen wäre vermutlich viel zu auffällig ...
Clark war so in seine Gedanken vertieft, dass er den Trak­tor seines Vaters, der aus dem Kornfeld in die Straße bog, erst wahrnahm, als es zu spät war.
»DAD!«, RIEF CLARK. »Dad, bist du okay?«
Zuerst hatte er nach dem heftigen Zusammenstoß ange­nommen, gegen einen Baum geprallt zu sein, obwohl es am Rand des Kornfeldes gar keine Bäume gab. Doch eine Sekunde später, als er von der unbefestigten Straße aufstand, musste er entsetzt feststellen, dass er mit dem Traktor kollidiert war. Das gute Stück war vorne eingedrückt wie eine Ziehharmonika, und sein Vater lag einige Meter weiter reglos aut dem Boden.
»Dad!« Clark ging neben ihm in die Knie. »Dad, bitte wach auf...« Er kämpfte gegen die Panik an, die in ihm aufstieg, konzentrierte sich und untersuchte seinen Vater rasch mit Hilfe seines Röntgenblicks, der zu den Fähigkeiten zählte, die er erst kürzlich entdeckt hatte. Keine Kopfverletzungen - Gott sei Dank! aber Jonathans Schlüsselbein war gebrochen, wodurch seine Schulter merkwürdig verbogen aussah.
»Clark ...«, stöhnte Jonathan. »Mein Sohn, geht es dir gut?« Das war typisch für ihn. Er war selbst verletzt, machte sich aber Sorgen um jemanden, dem Pistolenkugeln, Zusammenstöße mit Traktoren oder dergleichen nichts anhaben konnten.
»Mir geht es gut«, versicherte Clark und gab sich alle Mühe, seine Besorgnis zu verbergen, »aber dich muss ich wohl ins Krankenhaus bringen.«
»Clark!«, rief Martha Kent und eilte über den Krankenhauskorridor auf ihn zu. »Wo ist dein Vater? Geht es ihm gut?«Clark nickte nervös. Ihm war ganz schrecklich zu Mute ge­wesen, als er seine Mutter anrufen und sie bitten musste, ins Krankenhaus zu kommen.
In diesem Augenblick ging eine Tür auf, und der Arzt winkte sie ins Zimmer. Jonathan lag im Bett. Sein Arm steckte in einer Schlinge, und er hatte schlimme Blutergüsse im Gesicht.
»Hallo Schatz«, begrüßte Jonathan seine Frau benommen. »Mach dir keine Sorgen, es geht mir gut.«
Martha sah den Arzt fragend an. »Das stimmt, wenn Sie unter >gut< ein gebrochenes Schlüsselbein, einen ausgekugelten Arm und einen Bandscheibenschaden im Bereich der Lendenwirbelsäule verstehen«, erklärte der Arzt. »Ich würde sagen, es wird Ihnen demnächst wieder gut gehen. Frühes­tens in einer Woche, bei strenger Bettruhe. Es hätte aber viel schlimmer kommen können. Wie, sagten Sie, ist es passiert, Mister Kent?«
»Ich ... Ich bin mit irgendwas zusammengestoßen«, er­klärte Jonathan zögernd. Clark ließ von Schuldgefühlen überwältigt den Kopf hängen. Martha sah von ihrem Mann zu ihrem Sohn. Sie spürte, dass es zu diesem Unfall mehr zu sagen gab, als die beiden in diesem Augenblick preisgeben konnten.
Der Arzt runzelte die Stirn. »Nun, ich werde nach einer Weile noch einmal nach Ihnen sehen. Wenn Ihr Zustand stabil bleibt, lassen wir Sie heute Abend nach Hause.«
Sobald er aus dem Zimmer gegangen war, erklärte Clark seiner Mutter, was passiert war. »Es tut mir furchtbar Leid, Dad«, sagte er. »Ich war viel zu schnell, und ich habe dich nicht kommen sehen ...«
»Es ist nicht deine Schuld, mein Sohn«, erwiderte Jonathan, den der bekümmerte Gesichtsausdruck von Clark viel mehr schmerzte als seine Verletzungen. »Mir war die Fälligkeit der Rate eingefallen, und ich wollte schnell nach Hause. Hör auf, dir Vorwürfe zu machen!« Er streckte seine unver­sehrte Hand aus und tätschelte Clarks Arm. »Ich bin okay. Geh zur Schule. Wir sehen uns zum Abendessen.«
Clark machte sich widerstrebend auf den Weg, nachdem Martha ihn regelrecht zur Tür hinausgeschoben hatte.
Clark erreichte die Schule kurz vor der Mittagspause. Der Erste, der ihm über den Weg lief, war Terrance Reynolds, der Direktor der High School von Smallville, den die Schüler bereits praktisch seit seinem Amtsantritt heimlich »Terrance den Schrecklichen« nannten. Unglücklicherweise bemerkte er Clark sofort.
»Clark Kent!«, rief er mit ernster Miene und winkte Clark zu sich. Schweigend gingen sie den Korridor zu seinem Büro hinunter.
»Sie sind zu spät, Mister Kent«, stellte der Direktor fest und schloss die Tür hinter sich. »Schon wieder.«
»Mister Reynolds, ich kann das erklären...«
»Die Chemiearbeit, die Sie verpasst haben, spielt eine große Rolle für die Gesamtnote, aber wie man an Ihrer Verspätung sieht, ist Ihnen das wohl nicht sonderlich wichtig!
»Mister Reynolds ...«, versuchte Clark einzuwenden, aber der Direktor hob abwehrend die Hand.
»Ich bin nicht an Ausreden interessiert, Mister Kent. Sie haben mir in der Vergangenheit schon zu viele aufgetischt, und ehrlich gesagt sind sie nicht besonders einfallsreich.« Rey­nolds setzte sich an seinen Schreibtisch und betrachtete Clark mit gewohnt strenger Miene. »Meiner Meinung nach kann man Sie nur dazu bringen, die Schule ernst zu nehmen und Ihr Potenzial auszuschöpfen, wenn man Ihnen bei Bedarf saftige Strafen aufbrummt. Also werden Sie einen Monat lang täglich nach der Schule ein Weilchen nachsitzen. Und wenn ich noch ein Wort höre, lasse ich mir noch mehr einfallen!«
»Aber ...!« Clark riss entsetzt die Augen auf. Das konnte doch nicht wahr sein! Reynolds hatte es auf Clark abgesehen, seit er Direktor an der Smallville High geworden war. Und zwar von dem Augenblick an, als er herausgefunden hatte, dass Clark mit Lex befreundet war, den Reynolds von allen Schülern an der Excelsior Prep am wenigsten hatte leiden können. Er war Direktor dieser exklusiven Privatschule ge­wesen, bis er Lex hinauszuwerfen versucht und Lionel Lutbor dafür gesorgt hatte, dass er unverzüglich gefeuert wurde. Dennoch würde der Direktor doch gewiss auf die Stimme der Vernunft hören, wenn er erfuhr, was Clarks Vater zugestoßen war.
Das Problem war bloß, zu ihm durchzudringen, und es sah nicht so aus, als würde Clark dies gelingen.
»Gut, Mister Kent, dann streichen wir für Sie auch die Aktivitäten außerhalb des Stundenplans. Dazu gehört natürlich die Halloween-Party nächste Woche.«
»Mister Reynolds, ich ...«, setzte Clark erneut an, aber es war zwecklos.
»Und«, fuhr der Direktor fort und holte zu einem letzten vernichtenden Schlag aus, »Sie bekommen in diesem Semester eine Fünf in Chemie. Ich schlage vor, Sie verschwinden jetzt, Mister Kent, falls Sie nicht auch noch von der Schule verwiesen werden wollen. Wegtreten!«
Clark verließ niedergeschlagen Mister Reynolds Büro. Ist ja großartig!, dachte er. Heute geht aber auch alles schief, was nur schief gehen kann!